Wo steht die Grüne Linke heute …

… in der Gesellschaft?

Neoliberalismus und Turbokaptalismus sind für alle erkennbar gescheitert. Der Staat musste die Märkte an ihre unsichtbare Hand nehmen, um sie aus dem selbst angerührten Schlamassel zu ziehen. Wenn über „Rettung“ gesprochen wird, sind heutzutage meist Staaten, Banken oder Währungen gemeint – nicht Menschen und ihre ökonomischen und ökologischen Lebensgrundlagen. Dabei haben wir immer noch drei ungelöste und eskalierende Großkrisen –die  weltweite Krise der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die globale Armutskrise und last aber ganz sicher nicht least die ökologische Krise, die das menschliche Überleben auf unserem Planeten insgesamt in Frage stellt.

Als Metakrise hat sich das System der repräsentativen Demokratie mehr und mehr in Richtung Postdemokratie entwickelt. Die Menschen nehmen wahr, dass Entscheidungen von tatsächlicher Bedeutung nicht mehr in Parlamenten debattiert und getroffen werden, sondern stattdessen hinter verschlossenen Türen in den Führungsetagen transnationaler Konzerne und auf intergouvernementalen Gipfeln zwischen RegierungschefInnen. So entwickelt sich die Floskel:. „Die da oben machen doch eh was sie wollen!“ mehr und mehr vom reinen Ressentiment zu einer zwar grob simplifizierenden aber doch nicht völlig unzutreffenden Zustandsbeschreibung. Daraus ergeben sich unterschiedliche, in der Substanz apolitische Absetzbewegungen aus dem demokratischen Diskurs:

  • in die politische Abstinenz und Wahlenthaltung,
  • in den Populismus rechter, linker und amorpher Prägung,
  • in konspirationistisches Denken und polit-esoterische Deutungsmuster,
  • in religiös verbrämte Fundamentalismen,
  • in die Überbetonung von Lifestyle-Fragen, die sich nur noch um das „richtige“ Leben des Individuums drehen.

Eine zunehmende Ausdifferenzierung von spezial-Interessen und monothematischen Engagement auf der gesellschaftlich-politischen Bühne ist vielleicht auch daraus zu erklären, so z. B. die Überbetonung einzelner, unstrittig wichtiger Themen, wie z. B. des Veganismus oder auch „Netzneutralität und Transparenz“, zu den vermeintlich einzig bedeutenden.

Keines der nur kurz aufgeworfenen Probleme ist für linke Grüne neu, wir können vielfach mit Recht für uns in Anspruch nehmen, als erste relevante politische Kraft uns tatsächlich diesen Themen gewidmet zu haben. Vergleichsweise neu ist aber, dass unsere Themen im Zentrum der gesellschaftlichen Debatte stehen. Zeitweise und kurzfristig, wenn eines „unserer“ Themen apokalyptisch eskaliert, wie wir es im letzten Jahr leider in Fukushima erleben mussten, stehen dann auch wir als politische AkteurInnen im Zentrum – aber eben nur zeitweise.

Eine Grüne Linke, die sich dieser Problematik bewusst ist, muss ihr eigenes Denken und Handeln immer auch selbstkritisch reflektieren. Alle oben beschriebenen Absetzbewegungen aus dem demokratischen Diskurs sind auch bei Teilen unserer Klientel und unserer Aktiven zu erkennen. Wir haben zudem keinen Exklusivanspruch darauf „das Gute“ zu wollen und „die Guten“ zu sein, und weil unsere Themen und Analysen mittlerweile vielfach Mainstream sind, können wir auch nicht mehr exklusiv „die Alternative“ sein. Stattdessen müssen wir tatsächliche politisch-gesellschaftliche Alternativen formulieren und im demokratischen Diskurs für sie streiten und sie umsetzen.

… im Parteiensystem?

Auf das Aufkommen und den zumindest kurzfristig großen Erfolg der Piratenpartei reagieren viele Grüne – auch linke  – deshalb vielfach mit einer Mischung aus Faszination, Ratlosigkeit und Beleidigt-Sein. Die Piraten haben uns den alternativen Gestus abgenommen. Unkonventionell gekleidete PolitikerInnen mit unkonventionellem Benehmen, das sind jetzt eben nicht mehr wir, und das werden wir auch nicht mehr werden. Im Vergleich zum piratigen Auftritt wirken wir etabliert und staatstragend – eine Folge davon ist die überproportional hohe Medienaufmerksamkeit für die Piraten bei vergleichsweise deutlicher Ignoranz gegenüber Grünen. Wir müssen uns damit abfinden: Über den Gestus und Äußerlichkeiten werden wir uns nicht mehr interessant machen können. Umgekehrt werden die Piraten natürlich beweisen müssen, dass sie nicht nur alternativ auftreten können, sondern auch wirklich Alternativen anzubieten haben. Sollte ihnen das gelingen (wonach es im Moment nicht unbedingt aussieht), sind sie für uns gleichzeitig strategische Bedrohung und potentielle Bündnispartnerin. Wenn es ihnen nicht gelingt, werden sie mittelfristig auf den Status einer Splitterpartei zurückfallen.

Die Linkspartei ist in einem desolaten Zustand. Zwar steht die neue Ko-Vorsitzende Katja Kipping mit ihrer Programmatik und Themensetzung uns als sozial-ökologische und emanzipatorische Kraft so nahe, wie wohl sonst niemand anderes von politischem Gewicht in dieser Partei. Allerdings ist völlig unklar, ob es ihr gelingen wird, die tiefe innere Spaltung ihrer Partei und den von ex-sozialdemokratischen Machos angerichteten Scherbenhaufen wieder zu kitten. Dass ihr dies vor der Bundestagswahl 2013 gelingen wird, ist leider nicht zu erwarten. Die PDL fällt deswegen – so bitter das ist – mittelfristig als mitgestaltende Partnerin, zumindest auf Bundesebene, für uns aus. Es kann aber nicht im Interesse von linken Grünen sein, dass das so bleibt – vielleicht gelingt Kipping und ihren progressiveren und emanzipatorischen GenossInnen eine programmatische und strategische Erneuerung der Partei weg vom Lafontaine‘schen Fundamentaloppositions-Populismus hin zu einem gestaltenden Politikansatz. Eine solche PDL wäre für uns eine ernst zu nehmende Mitbewerberin, im Idealfall komplementär und nicht konfrontativ zu uns.

Die SPD kann sich zur Zeit nicht entscheiden, ob sie weiter der Koch sein will, der uns großmütig kellnern lässt, oder ob sie zu einer Politik der Einladung auf Augenhöhe findet. Gerade das ist für uns als linke Grüne eine besondere Herausforderung: der Kohle- und Beton-Flügel der Sozialdemokratie steht uns inhaltlich tatsächlich nicht mehr näher, als der liberale Flügel der Union. Die selbst ernannten grünen ReformerInnen leiten daraus den Irrglauben der Äquidistanz ab. Sie verkennen dabei aber Zweierelei: zum einen ist das nur ein Teil der SPD – wo immer rot-grüne Koalitionen regiert haben, hat es neben Schatten durchaus auch ökologisch-soziales und emanzipatorisches Licht gegeben. Darauf gilt es aufzubauen und nicht mit schwarz-grün Debatten zur Unzeit die Sozialdemokratie zu stärken und uns selbst zu schwächen. Zum anderen fehlt der Nachweis der schwarz-grünen Erfolgsgeschichte: wo immer dies versucht wurde, ist es größtenteils sang- und klanglos und ohne sozial-ökologische Impulse gescheitert.
Wahr ist aber auch: die SPD wird offenkundig nur aus Schaden klug. Wenn sich SozialdemokratInnen darauf verlassen können, dass Grüne in einer Koalition fast alles schlucken, was ihnen vorgesetzt wird, haben sie auch keinen Anreiz dazu, ihre „Volkspartei“-Arroganz abzulegen. Dass es in Deutschland gar keine echten Volksparteien mehr gibt, ficht die SPD dabei genau so wenig an wie die Union.

Die Union hat sich unter der Führung Angela Merkels weitgehend entpolitisiert. Sie wird nach Merkels Abgang – wann auch immer der kommen wird – ein riesiges Problem haben, dieses Vakuum wieder zu füllen. Ihr und auch der SPD bricht zudem aus demographischen Gründen mehr und mehr Machtbasis in Form von WählerInnen, (aktiven) Mitgliedern und daraus resultierend auch Finanzen weg. Das Verhalten Norbert Röttgens hat exemplarisch gezeigt, dass auch die heftig in Richtung Grüne blinkenden CDU-VertreterInnen der Pizza-Connection im Wahlkampf in populistischer Manier ihr Herz für die Pendlerpauschale entdecken. Wie Peter Altmaier jetzt die Energiewende endlich wirklich vorantreiben will, bleibt abzuwarten. Vorerst ist für uns jedoch klar: mit diesem desolaten Verein ist keine grüne Politik zu machen.
Schwierig ist für linke Grüne allerdings die Einsicht: wenn wir uns auf Gedeih und Verderb an die SPD ketten und schwarz-grüne Optionen kategorisch (und nicht konkret begründet) ausschließen, liefern wir gerade der Beton- und Kohle-Fraktion der Sozialdemokratie die Ermutigung: „Mit den Grünen kann man’s ja machen.“ Deswegen müssen linke Grüne hier innerparteilich für den Kurs streiten: Keine Äquidistanz, Präferenz für die SPD, aber keine Ausschließeritis in Richtung Union.

Die FDP ist zur Zeit so irrlichternd und so abhängig von den politischen Volten nur einer Handvoll Personen, dass Prognosen fast unmöglich sind. Hoffentlich werden wir nicht in die Lage kommen, über Ampel-Bündnisse diskutieren zu müssen. Aber ausschließen lässt sich das leider nicht. Die Hoffnung, die FDP könnte ganz von der politischen Bildfläche verschwinden, muss allerdings doch wohl zumindest auf absehbare Zeit begraben werden. Christian Lindner hat in NRW gezeigt, wie es der FDP gelingen kann, von der Entpolitisierung der CDU zu profitieren und gleichzeitig sozial-liberal zu blinken. Ob die FDP in der Lage sein wird, eine wirklich liberale Opposition zu gestalten statt der Klientelpolitik der Ära Westerwelle/Rösler, bleibt abzuwarten. Klar ist aber auch: falls es den Piraten gelingen sollte, sich bürgerInnenrechtlich-liberal zu stabilisieren, muss sie die FDP weiter um ihr Überleben kämpfen.

Und wir? Wir sind die Alternative für den notwenden sozial-ökologischen und emanzipatorischen Umbau der Industriegesellschaft. Wir müssen Alternativ-Sein nicht nur behaupten, sondern Alternativen schaffen. Strategisch haben wir den Vorteil, mit allen anderen demokratischen Parteien bündnisfähig zu sein – ob wir bündniswillig sind (und zu welchem Preis), das ist die entscheidende Frage. Darin steckt eine große Chance, aber gleichzeitig auch eine erhebliche Gefahr. Unser Kapital ist unsere inhaltliche Glaubwürdigkeit. Da der Neuen-Bonus und der alternative Gestus weggefallen sind, bleibt diese Glaubwürdigkeit die einzige verlässliche Stärke, auf die wir bauen können. Deswegen müssen wir uns vor allem vor Beliebigkeit in Acht nehmen. Vom anderen Flügel hören wir oft ein „Nicht links, nicht rechts  – sondern vorn.“ Das ist Unsinn, dahinter steckt in letzter Konsequenz ein ähnlich amorpher und inhaltloser Populismus, wie ihn die Piratenpartei mit ihrem behaupteten „Über den Lagern stehend“ praktiziert.[1]

„Alternativ sein“ heute heißt:

–          Anti-populistisch. Der Komplexität der verschiedenen Krisen kennt keine einfachen Lösungen. Europäische Solidarität zu üben, auch mit Griechenland, ist nicht populär, aber notwendig. Die strukturelle Unterfinanzierung der öffentlichen Haushalte werden wir nur durch deutliche Verbesserungen auf der Einnahmeseite lösen können. Dazu müssen wir auch unserer eigenen Klientel weh tun. In der Umweltpolitik werden wir uns mit höheren Verbrauchssteuern vom Magdeburger Trauma befreien müssen.

–          Anti-national – Grüne Linke sind aus Überzeugung international-solidarisch und sollten europäisch-föderalistisch sein: „Die deutsche Linke hat europäisch zu sein oder gar nicht.“ (Arvid Bell). Auch in der aktuellen Krise steht es Grünen Linken gut zu Gesicht, für Griechenland und die anderen EU-Mitgliedsstaaten an der Peripherie den Begriff „Solidarität“ offen zu verteidigen

–          Emanzipatorisch – Teilhabe für alle zu organisieren, heißt nicht nur Freiheit von Diskriminierung sondern Inklusion. „Inklusion“ wird zur Zeit als bildungspolitischer Begriff zu eng geführt. Es geht auch um Inklusion von bspw. MigrantInnen in unsere Gesellschaft. Dem „post-gender“-Backlash müssen grüne Linke als FeministInnen entschlossen entgegentreten.

–          Basisdemokratisch /Partizipativ –Grüne Linken müssen Teilhabe und Mitbestimmung nicht nur propagieren und simulieren – wie es die Piratenpartei mit Liquid Feedback (noch?) tut – sondern streitbar dafür eintreten und sie aktiv gestalten.

–          Im vollen Sinne nachhaltig. Unabhängig von der moralischen Bedeutung der sozialen Gerechtigkeit, die für uns als Linke der Urimpuls ist, kann der ökologische Umbau der Gesellschaft nur gelingen, wenn er alle Bevölkerungssichten einschließt. Deswegen kann es keine ökologische Nachhaltigkeit ohne soziale Gerechtigkeit geben. Umgekehrt trifft die ökologische Großkrise überproportional stark die Armen. Ökologische Nachhaltigkeit hat deswegen immer auch eine Gerechtigkeitskomponente.

–          Multilateral – bündnisfähig, aber nicht bündnisfixiert. Linke grüne Friedenspolitik ist an einer demokratisch reformierten UN orientiert. So lange wir die nicht haben, sollten wir in unserer Rhetorik nicht so tun, als könnten wir die existieren Bündnisse über Nacht abschaffen oder aus ihnen austreten. Bündnisfähigkeit ist aber kein Grund, Militäreinsätze zu befürworten.

–          Libertär – die Entfaltung des Individuums auch in ihren Schattenseiten (Drogen, ungesunde Lebensweise …) zulassend, solange andere nicht geschädigt werden. Wir haben oftmals einen Hang zu paternalitstischer Volkserziehung, das müssen wir ablegen.

–          Den Wandel in den Staat tragend, statt staatstragend. Das ist alternative Realpolitik.

Wo stehen wir in der Partei?

–          Wir profitieren von der personellen und strategischen Schwäche des anderen Flügels.

–          Durch die grüne Stärke in den Ländern – insbesondere in BaWü – ist eine neuer, erheblicher Machtfaktor hinzugekommen. Die Musik spielt mehr und mehr im Bundesrat, und dort sind wir als linke Grüne schwächer als in Bundestag und Partei. Deswegen müssen wir unsere Leute in den Ländern aufbauen.

–          Bei dem Führungsgerangel um die Spitzenkandidatur machen wir als Linke ein positiveres Bild: Unsere KandidatInnen stellen sich mit offenem Visier einer ehrlichen und demokratischen Auseinandersetzung. Wir sollten das akzentuierter als unsere Stärke verkaufen. Wir „können“ Basisdemokratie, kann der andere Flügel das auch?

–          Wir haben eine Reihe guter, junger Leute in Ämtern und Mandaten in der „2. Reihe“. Das lässt hoffen. Gleichzeitig teilen wir mit dem anderen Flügel das Problem, dass unser Personal ganz oben an der Spitze nicht jung und unverbraucht ist. Die personelle Erneuerung an der Spitze wird absehbar kommen müssen – voraussichtlich in der kommenden Legislaturperiode.

–          Wenn unsere KandidatInnen die Führungsverantwortung für die gesamte Partei übernehmen, werden sie notwendigerweise (noch) weiter in die Mitte rücken müssen. Das können und sollen wir inhaltlich kritisch begleiten, aber persönlich müssen wir es aushalten können.

–          Als linke Basis werden wir in der Verantwortung stehen, eine konstruktiv-kritische Begleitung von grünem Regierungshandeln zu leisten. Wir können nicht die institutionalisierte innerparteiliche Opposition sein. Wir dürfen aber auch nicht stromlinienförmig und obrigkeitshörig werden. Die Form dazwischen zu finden, wird schwieriger werden, als viele von uns glauben.

–          Unsere inner-linken Auseinandersetzungen in der für linke Grüne vergleichsweise erfolgreichen Zeit der Erneuerung der Partei nach 2005 haben uns manches Mal fast zerrissen. Wir müssen einen Weg zum solidarisch streitenden Miteinander finden.

–          Wir müssen eine grünlinke Willkommenskultur schaffen. Die Strömungen sollen für Neumitglieder und UnterstützerInnen interessanter und attraktiver werden. Das bedeutet weniger Selbstbeschäftigung und (personelle) Grabenkämpfe und mehr inhaltliche – durchaus auch innerparteiliche kontroverse – Auseinandersetzung. Der Flügelstreit dient der innerparteilichen Meinungsbildung, er ist kein Selbstzweck. Beide Flügel neigen dazu, das zu vergessen.


[1] „Über den Lagern stehend“ und „post-Gender“ gehen dabei Hand in Hand: vorhandene gesellschaftliche Probleme werden für irrelevant und überwunden erklärt, statt sie anzugehen.

One Response to “Alternativ nicht nur aussehen, sondern sein”

  1. Peter Alberts Says:

    Neues Deutschland, 20.08.2012 / Inland / Seite 2
    Im Bewerberfeld

    Sechs Grüne gehen ins Rennen um die Spitzenkandidatur

    Von Tom Strohschneider
    Urwahl? Doppelspitze? Teamlösung? Anfang September wollen die Grünen auf einem Länderrat das Verfahren zur Findung ihrer Spitzenkandidaten für die kommende Bundestagswahl beschließen. Nun haben auch die Realos zwei Bewerberinnen ins Rennen geschickt – dessen Ausgang ist offen.

    Wenn Hermann Gröhe dieser Tage an SPD und Grüne denkt, kommt meist ein Witz über deren Personaldebatten heraus: »Zur roten Troika gesellt sich nun auch noch eine grüne Quadriga«, frotzelte der CDU-Generalsekretär am Sonntag. »Bald kann die Opposition eine ganze Fußballmannschaft der Möchtegern-Spitzenkandidaten aufstellen.« Das gilt vor allem für die Grünen: Nach Claudia Roth, die bereits im März ihren Hut in den Ring geworfen hatte, und zwei Basis-Politikern, sind letzte Woche drei weitere Spitzen-Grüne hinzu gekommen: Jürgen Trittin, Katrin Göring-Eckardt und Renate Künast.

    Am 2. September soll ein Länderrat darüber entscheiden, wie die Grünen aus den Bewerbern ihre Spitzenkandidaten finden. Die Parteivorsitzende Roth hatte frühzeitig eine Urwahl ins Spiel gebracht, in der sie sich selbst ganz gute Chancen ausrechnen darf. Eine Doppelspitze mit dem zwar ebenfalls dem linken Flügel zugerechneten Fraktionschef Trittin war den Realos nach anfänglichem Zögern dann offenbar doch eine zu große Zumutung.

    Dass nun mit Göring-Eckardt und Künast gleich zwei Reala mit um die Spitzenkandidatur kämpfen, erhöht im Falle einer Basisabstimmung jedoch nicht unbedingt deren Chancen. Weshalb nun auch die Idee eines größeren Teams wieder ins Spiel gebracht wurde. Dass es tatsächlich zu einer anderen Lösung als der Urwahl zu einer Doppelspitze kommt, gilt aber als unwahrscheinlich. Immerhin haben ein Länderrat und der Vorstand sich bereits auf ein quotiertes Duo festgelegt – eine Revision würde nicht nur die Basis verärgern, der die Mitsprache versprochen war. Es würde auch das öffentliche Bild der Grünen ankratzen.

    Ohnehin glauben manche in der Partei schon jetzt, dass die K-Diskussion vor allem als Selbstbeschäftigung wahrgenommen wird und damit schadet. Zuletzt standen die Grünen in Umfragen bei 13 bis 14 Prozent – zehn Punkte niedriger als bei ihrem Hoch im vergangenen Jahr. Der Aufstieg der Piraten schlägt sich im Rückgang genauso nieder wie die fehlende Aussicht auf ein realistisches Gegenmodell zur schwarz-gelben Regierung. Rot-Grün fehlt es bisher deutlich an Zustimmung, über Schwarz-Grün denken nach den eher schlechten Erfahrungen selbst die Realos nicht mehr offen nach. Und eine Kooperation mit der Linkspartei hat derzeit auch niemand mehr wirklich auf dem Radar. Allenfalls unter linken Grünen hält sich noch der Wunsch nach Rot-Rot-Grün.

    Robert Zion vom NRW-Landesvorstand hält die Variante »aus politischen, konzeptionellen, ökonomischen und sozialen Gründen« hoch. Anders, so Zion, werde es einen echten »Politikwechsel, ein Mitte-Unten-Bündnis in der Gesellschaft« nicht geben. Peter Alberts, Sprecher des Kreisverbandes Münster, warnte die Grünen unlängst vor »Beliebigkeit« nach dem Motto »nicht links, nicht rechts – sondern vorn.« Wer eine »Alternative für den notwendigen sozial-ökologischen und emanzipatorischen Umbau der Industriegesellschaft« darstellen wolle, dürfe »Alternativ-Sein nicht nur behaupten«. Genau diesen Eindruck aber haben die Grünen allzu oft hinterlassen, findet auch das Berliner Partei-Urgestein Hans-Christian Ströbele. Es sei die »Unterscheidbarkeit von der Regierung, an der es den Grünen in der Vergangenheit immer wieder fehlte: bei Entscheidungen über Kriegseinsätze der Bundeswehr, beim Ja zu den Hilfspaketen für Griechenland und den milliardenschweren Rettungsschirmen für Banken«, schrieb der Parteilinke seinen Grünen ins Stammbuch.

    Programmatisch haben sich die Mehrheits-Grünen zumindest ehrlich gemacht: mit einem Prioritäten-Papier, das Ziele für eine mögliche Regierungsbeteiligung aufführt. Die Liste hat für Diskussionen gesorgt, schließlich rückt die Partei hier zum Teil von beschlossenen Forderungen ab, zum Beispiel was die Anhebung der Hartz-Regelsätze angeht. Andererseits führen die Grünen wie kaum eine andere Partei konzeptionelle Debatten, zuletzt etwa auf einem Sozialpolitischen Kongress in Berlin. Doch inhaltliche Akzentuierungen oder gar Weichenstellungen dringen in Zeiten eines Kandidatenrennens kaum an die Öffentlichkeit durch.

    Roth und Künast? Roth und Trittin? Oder doch ein größeres Team mit Göring-Eckardt? Wenn Anfang September der Länderrat das Prozedere festgelegt hat, könnten die Spitzenkandidaten der Grünen bis zum im November geplanten Parteitag in Hannover feststehen. Ob sich bis dahin zu der von CDU-General Gröhe bespöttelten »Fußballmannschaft« noch weitere Spieler gesellen, steht dahin. Zwei Grüne, denen in Umfragen am ehesten Erfolgsaussichten bei Wahlen zugebilligt werden, stehen bisher jedenfalls gar nicht auf der Bewerberliste: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Ex-Außenminister Joschka Fischer.

    URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/235985.im-bewerberfeld.html

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