Was wir heute erleben, ist mit „Brexit“ nur sehr unzulänglich beschrieben. Ein einfaches Kunstwort, das nach Katzenfutter klingt, taugt nicht als Begriff für die Manifestation der Rückkehr des europäischen Gegen- statt Miteinanders.

Wir können, denke ich, zur Zeit noch nicht wirklich übersehen, welche Auswirkungen dieser schwarze Freitag Europas haben wird. An durchaus realistischen Horroszenarien mangelt es wahrlich nicht. Börsenkurse, Währungsschwankungen, Streit um Fischereichte – die Spekulationen über eher profane Fragen gehen sofort los. Natürlich auch die ganz und gar nicht profanen Fragen nach der Freizügigkeit und dem Vorbildcharakter für andere vom Rechtspopulismus geplagte Länder, es den Briten nachzumachen. Und schließlich über allem die Frage, ob das United Kingdom als solches überhaupt überleben wird. Das alles zu beantworten, ist viel zu früh, und ehrlich gesagt kann ich mir auch nicht vorstellen, dass diese Fragen zur Zeit überhaupt jemand beantworten könnte.

Mich macht das Ergebnis vor allem traurig, und leider auch verzagt. Wir – mein „Wir“ meint in etwa: sich als progressiv-links verstehende Anti-Nationalist*innen und EU-Befürworter*innen – müssen uns eingestehen, dass wir keine Antwort wissen, die grassierende Dummheit des Nationalismus effektiv zu bekämpfen. Eines der Probleme dabei war, dass das Projekt Europäische Einigung schon lange die Ebene der Vision und der Utopie verlassen hat und Realität geworden war. Wie es mit Realitäten so ist – die sind nicht perfekt. Die EU hatte und hat natürlich eine ganze Reihe von Schwachpunkten. Unsere Antwort auf diejenigen, die aufgrund dieser Schwachpunkte die EU als solche ablehnen, lautete bisher immer nur „Aber die Rückkehr zur Kleinstaaterei ist doch noch viel schlechter.“ So richtig das ist, so wenig visionär und mitreißend ist es. Vielleicht fehlt uns das visionäre Pathos von früher? „Alle Menschen werden Brüder“ – welche Vision, welche Utopie könnte eigentlich noch mitreißender sein?

Logisch, so lange an den EU-Außengrenzen zu Abertausenden Flüchtlinge elendiglich krepieren und Europa mehr mit Abschottung nach außen als mit Integration nach innen beschäftigt ist, kann von der Verschwisterung aller Menschen keine Rede sein. Das rächt sich jetzt bitter, nicht nur durch den unerträglichen Verlust von menschlichem Leben und das riesige Leid an unseren Außengrenzen, sondern zudem noch mit der Delegitimierung jeglicher mit Pathos und Emotion aufgeladenen, visionären Einstellung zur Europäischen Einigung.

Aber was dann, wie Europa wieder besser und attraktiver machen? An genau dieser Frage scheitert meines Erachtens zur Zeit das gesamte progressive Lager in Europa. Der eine Teil um Wagenknecht und Co ergeht sich im Populismus und ist nur noch graduell von den Rechtspopulist*innen zu unterscheiden. Ein anderer Teil, verkörpert von Winfried Kretschmann, strebt mit so großem Nachdruck in die Mitte, dass von Progressivität keine Rede mehr sein kann – und der dritte Teil, dem ich mich zugehörig fühle, ist ratlos, fassungslos und aus Resignation verstummt. Es ist nicht so, dass man nichts dazu sagen könnte, was in Europa alles schief läuft. Es ist auch nicht so, dass wir keine Antworten hätten, was man denn besser machen könnte und sollte. Es ist aber leider so, dass da diese Gefühl ist, dass wir uns gegen die grassierende nationalistische und egoistische Unvernunft nicht mehr werden durchsetzen können. Altruismus und Empathie als politische Werte sind tot, so fühlt es sich zumindest an.

Ein kleines Bisschen Hoffnung bleibt: Wer austritt kann auch wieder eintreten. Vielleicht setzt sich ja auch in England und Wales die Vernunft wieder durch. Vielleicht gelingt es der Vernunft in den anderen europäischen Ländern, den Populismus zurückzudrängen.

Wenigstens träumen kann man noch, dass es nur die Mode ist, die derzeit teilt, und der Zauber der Freude auch wieder wird binden können.

* Shitstürmende Freund_innen geschlechtergerechter Sprache und Kämpfer_Innen für Tierrechte, wenden Sie sich bitte an Friedrich Schiller.

One Response to “Alle Menschen werden Brüder*, wo dein sanfter Flügel weilt”

  1. Olaf Matthei-Socha Says:

    Danke für den Text, Herr Alberts,

    der Tag begann noch vor 7.00 Uhr mit einem Schrecken. Doch nur als kurze Replik zu Deinen Gedanken möchte ich eine Beobachtung der letzten zwei Jahre anfügen: Ja, wir gehören scheinbar zur dritten Gruppe, die rat- und fassungslos ist, meines Erachtens aber noch lange nicht verstummt. Genau an diesem Punkt will ich dem nicht glauben schenken, was ich allseits um mich herum aus verschiedenen Medienkanälen wahrnehme – Alle hassen, der Nationalismus erobert Europa und wir können daran nichts mehr ändern. Sicherlich, oft genug höre ich auf der Straße Menschen, die einem einfachen Muster folgend Unwahrheiten und Hassrede nachplappern. Menschlich eben. Niemand ist davon frei. Steigende Übergriffe mit teils tödlicher Folge sprechen auch für sich, schrecken mich aber nicht vom Entgegenstellen ab. Systematisch gefährlich wird es erst in dem Moment, da wir die Bildungshoheit und den positiven Mediendiskurs an die destruktiv-nationalistischen Kräfte abgeben. Der Kampf tobt hier so sehr, wie selten nach 1989… oder hat sich etwa an den alt hergebrachten Methoden, Wahrheit für sich und andere zu reklamieren nichts verändert? Worauf ich hinaus will ist, dass ich im alltäglichen Umgang mit verschiedensten Menschen in D, PL und CZ immer wieder treffe auf a) eine große Menge verunsicherter Personen, die selbst um das Gut Demokratie wissen, und spüren, dass sich etwas verändern muss, aber sich hilflos fühlen, b) mehr verständige und aktive MitstreiterInnen, als ich dachte und c) Menschen, die einerseits „Opfer“ rechts-links-nationaler (sorry, aber die Verquickung ist ja inzwischen gemeinhin bekannt) Indoktrination, andererseits in ihrer radikal-nationalistischen Weltsicht aber nicht wirklich gefestigt sind. Die Masse derer, die wir immer noch erreichen können, ist größer, als wir denken. Aber sicherlich ist die mediale Kampagne gegen die EU, gegen kulturell freigeistige Diskurse mächtig, ist teilweise mit großen finanziellen Mitteln und/oder mit Profis ausgestattet.
    Wir sollten hier an dieser Stelle weder das Träumen noch das harte Arbeiten aufgeben. Nur beides zusammen und eine noch bessere Vernetzung gepaart mit einer übergreifenden Kampagne, die sowohl medial als auch auf der Straße präsent ist, sehe ich als einzig gangbare Möglichkeit, eine politische und soziokulturelle Alternative aus dem „Mittelbau“ heraus zu organisieren, von den Menschen, die zwischen dem mit dem Diskreditierungsvorwurf konfrontierten politischen „Establishment“ und den Menschen vor Ort stehen.
    In diesem Sinne: Weitermachen! Jetzt erst recht!

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